Warum Vitamin D mehr ist als ein "Knochenvitamin"
Lange galt Vitamin D vor allem als wichtig für Knochen und Zähne. Heute wissen wir: Das Sonnenhormon – denn genau genommen ist es ein Hormon, kein Vitamin – beeinflusst praktisch jede Zelle unseres Körpers. Es reguliert über 200 Gene, stärkt das Immunsystem, schützt Herz und Gefäße und spielt eine zentrale Rolle bei der Krebsprävention.
Das Problem: In Deutschland leben wir auf einem Breitengrad (47–55° Nord), auf dem die Sonne von Oktober bis März zu tief steht, um die Vitamin-D-Produktion in der Haut anzuregen – selbst wenn Sie mittags im T-Shirt draußen stehen würden. Und im Sommer arbeiten die meisten Menschen in Innenräumen oder schützen sich (völlig richtig) mit Sonnencreme vor Hautkrebs, was die Vitamin-D-Synthese ebenfalls blockiert.
Die Konsequenz: 60–80 % der Deutschen haben im Winter einen Vitamin-D-Mangel [3]. Viele bemerken ihn nicht – die Symptome sind oft unspezifisch und werden anderen Ursachen zugeschrieben.
Mögliche Anzeichen eines Vitamin-D-Mangels
Ein Vitamin-D-Mangel entwickelt sich schleichend. Die folgenden Symptome können auf einen Mangel hindeuten – müssen es aber nicht. Viele dieser Beschwerden haben auch andere Ursachen. Im Zweifel bringt nur eine Blutuntersuchung Klarheit.
Häufig berichtete Beschwerden bei niedrigen Vitamin-D-Spiegeln:
Körperliche Symptome
- Anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung
- Diffuse Muskel- und Gliederschmerzen
- Muskelschwäche, besonders in den Beinen
- Knochenschmerzen (v.a. Rücken, Becken)
- Häufige Infekte (Erkältungen, grippale Infekte)
Psychische Symptome
- Niedergeschlagenheit, depressive Verstimmung
- Konzentrationsprobleme ("Brain Fog")
- Antriebslosigkeit
- Schlafstörungen
- Erhöhte Reizbarkeit
Wichtiger Hinweis: Diese Symptome sind unspezifisch und können viele Ursachen haben. Ein Vitamin-D-Mangel kann nur durch eine Blutuntersuchung (25-OH-Vitamin-D) sicher festgestellt werden.
Risikogruppen für einen Mangel sind insbesondere: ältere Menschen (die Hautsynthese nimmt mit dem Alter ab), Personen mit dunkler Hautfarbe, Menschen mit Übergewicht, Schwangere und Stillende, sowie alle, die sich überwiegend in Innenräumen aufhalten oder aus religiösen oder anderen Gründen wenig Haut der Sonne aussetzen.
Was Vitamin D im Körper bewirkt – wissenschaftlich belegt
Die Forschung zu Vitamin D ist umfangreich. Folgende Wirkungen sind durch Studien gut belegt – wobei die Effekte bei Personen mit bestehendem Mangel am deutlichsten ausfallen:
Gesicherte Wirkungen (hohe Evidenz)
- Knochengesundheit: Vitamin D ist essenziell für die Calciumaufnahme im Darm und den Einbau in die Knochen. Ein schwerer Mangel führt bei Kindern zu Rachitis, bei Erwachsenen zu Osteomalazie (Knochenerweichung) und erhöht das Osteoporose-Risiko.
- Muskelkraft und Sturzprävention: Ausreichende Vitamin-D-Spiegel sind mit besserer Muskelkraft assoziiert. Bei älteren Menschen kann eine Supplementierung das Sturzrisiko reduzieren [4].
- Immunsystem: Vitamin D moduliert die Immunantwort. Studien zeigen eine Reduktion von Atemwegsinfekten bei täglicher Supplementierung, besonders bei Personen mit niedrigem Ausgangsspiegel [7].
Vielversprechende Hinweise (mittlere Evidenz)
- Autoimmunerkrankungen: Die VITAL-Studie zeigte bei 25.871 Teilnehmern eine 22%-ige Reduktion von Autoimmunerkrankungen durch 2.000 IE täglich über 5 Jahre [1].
- Herz-Kreislauf-Gesundheit: Beobachtungsstudien zeigen eine Assoziation zwischen höheren Vitamin-D-Spiegeln und geringerem Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall [6].
- Krebsprävention: Eine Metaanalyse fand eine 13%-ige Reduktion der Krebs-Mortalität bei Vitamin-D-Supplementierung – besonders bei Dosen über 1.000 IE täglich [5].
- Psychische Gesundheit: Mehrere Studien zeigen positive Effekte auf depressive Symptome bei Anhebung niedriger Spiegel, wobei Vitamin D allein keine Therapie ersetzt [8].
Wichtige Einordnung
Vitamin D ist kein Wundermittel und ersetzt keine ärztliche Behandlung. Die beschriebenen Effekte beziehen sich auf die Behebung eines Mangels – bei bereits ausreichenden Spiegeln bringt eine zusätzliche Supplementierung keinen weiteren Nutzen. Die individuelle Wirkung kann variieren. Bei bestehenden Erkrankungen sprechen Sie bitte mit Ihrem Arzt.
DGE-Empfehlung vs. internationale Forschung: Ein Widerspruch
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt 800 IE (20 µg) Vitamin D täglich für Erwachsene. Diese Empfehlung basiert auf dem Ziel, einen Blutspiegel von mindestens 20 ng/ml (50 nmol/l) zu erreichen – ein Wert, der zwar einen schweren Mangel verhindert, aber weit von optimal entfernt ist.
Internationale Fachgesellschaften wie die Endocrine Society (USA) empfehlen hingegen Blutspiegel von 40–60 ng/ml (100–150 nmol/l) für optimale Gesundheit. Um diesen Bereich zu erreichen, sind für die meisten Menschen 2.000–5.000 IE täglich notwendig – bei Übergewicht, Senioren oder dunkler Hautfarbe oft noch mehr.
Warum so unterschiedliche Empfehlungen?
Die DGE definiert ihren Referenzwert so, dass 97,5 % der Bevölkerung keinen "Mangel" entwickeln – wobei "Mangel" hier nur den Schutz vor Rachitis/Osteomalazie meint. Für optimale Immunfunktion, Krebsprävention oder Herzgesundheit gelten andere Maßstäbe. Die konservative deutsche Empfehlung stammt zudem aus einer Zeit, als man Vitamin-D-Toxizität überschätzte – heute wissen wir, dass Dosen bis 10.000 IE täglich als sicher gelten [4].
Was sagen die Studien zu höheren Dosierungen?
Die Datenlage zu Vitamin D ist umfangreich – und die Ergebnisse bei optimalen Blutspiegeln(40–60 ng/ml) durchweg positiv:
- VITAL-Studie (2022): Bei 25.871 Teilnehmern reduzierte die Einnahme von 2.000 IE täglich das Risiko für Autoimmunerkrankungen um 22 %. Der Effekt verstärkte sich mit der Dauer der Einnahme [1].
- Krebsprävention: Eine Metaanalyse von 2019 zeigte eine 13%-ige Reduktion der Krebs-Mortalität bei Vitamin-D-Supplementierung – allerdings nur bei Dosen über 1.000 IE [5].
- Herz-Kreislauf: Spiegel von 30–40 ng/ml waren in Beobachtungsstudien mit dem niedrigsten Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall assoziiert [6].
- Immunsystem: Eine Cochrane-Analyse fand eine signifikante Reduktion von Atemwegsinfekten bei täglicher Vitamin-D-Gabe – besonders ausgeprägt bei Personen mit niedrigem Ausgangsspiegel [7].
- Stimmung & Depression: Mehrere Studien zeigen positive Effekte auf depressive Symptome bei Anhebung niedriger Vitamin-D-Spiegel [8].
Die richtige Dosierung: Individuelle Empfehlungen
Es gibt nicht die eine richtige Dosis – der Bedarf hängt von Körpergewicht, Hautfarbe, Sonnenexposition und individuellem Stoffwechsel ab. Folgende Orientierungswerte haben sich in der Praxis bewährt:
| Personengruppe | DGE-Empfehlung | Optimale Dosis* | Hinweis |
|---|---|---|---|
| Säuglinge (0–12 Monate) | 400 IE | 400–1.000 IE | Standardprophylaxe in Deutschland |
| Kinder (1–18 Jahre) | 800 IE | 1.000–2.000 IE | Höher bei wenig Sonne/dunkler Haut |
| Erwachsene (18–65 Jahre) | 800 IE | 2.000–5.000 IE | Ziel: 40–60 ng/ml Blutspiegel |
| Senioren (65+ Jahre) | 800 IE | 3.000–5.000 IE | Hautsynthese stark vermindert |
| Schwangere / Stillende | 800 IE | 4.000–6.000 IE | Nach individueller Testung |
| Übergewicht (BMI > 30) | 800 IE | 5.000–10.000 IE | Höherer Bedarf durch Fettgewebe |
*Basierend auf internationalen Empfehlungen (Endocrine Society, Vitamin D Council) für einen Zielspiegel von 40–60 ng/ml. Bei Unsicherheit: Blutspiegel bestimmen und ärztlich beraten lassen.
So nehmen Sie Vitamin D richtig ein
Die richtige Einnahme ist entscheidend für die Aufnahme. Hier die wichtigsten Punkte:
Timing: Morgens oder mittags, nicht abends
Vitamin D kann bei manchen Menschen die Melatonin-Produktion beeinflussen – eine abendliche Einnahme kann daher den Schlaf stören. Nehmen Sie es besser morgens zum Frühstück oder mittags zum Mittagessen ein.
Mit Fett: Immer zur Mahlzeit
Vitamin D ist fettlöslich. Studien zeigen, dass die Aufnahme um bis zu 50 % höher ist, wenn Sie es zusammen mit einer fetthaltigen Mahlzeit einnehmen – ein paar Nüsse, etwas Butter oder Olivenöl reichen aus. Tropfenform auf Ölbasis (z.B. MCT-Öl) hat den Vorteil, dass das Fett bereits enthalten ist.
Die wichtigsten Cofaktoren: K2 und Magnesium
Vitamin D allein reicht nicht – für die optimale Verwertung braucht der Körper:
- Vitamin K2 (MK-7): Steuert das durch Vitamin D aufgenommene Calcium in die Knochen statt in die Gefäße. Empfehlung: 100–200 µg täglich bei Vitamin-D-Dosen ab 4.000 IE.
- Magnesium: Wird für alle enzymatischen Schritte der Vitamin-D-Aktivierung benötigt. Empfehlung: 300–400 mg täglich (z.B. als Magnesiumcitrat oder -glycinat).
Meine Empfehlung für die Praxis
Ein Kombinationspräparat aus D3 + K2 in Tropfenform ist praktisch und dosiergenau. Beispiel: 1 Tropfen = 1.000 IE Vitamin D3 + 25 µg Vitamin K2. So können Sie die Dosis flexibel anpassen (z.B. 3–5 Tropfen täglich) und vergessen keine separate K2-Einnahme.
Wo kaufen? Apotheke vs. Online
Gutes Vitamin D muss nicht teuer sein. Ein Jahresvorrat hochwertiger Präparate kostet 15–30 € – weniger als ein einziger Restaurantbesuch. Wichtig ist die Qualität: Achten Sie auf Vitamin D3 (Cholecalciferol), nicht D2, und auf saubere Zusatzstoffe.
Meine Empfehlung: Kauf in der Apotheke
Als Arzt empfehle ich grundsätzlich den Kauf in der lokalen Apotheke – bei uns in Tegernsee zum Beispiel in der Kloster Apotheke direkt neben unserer Praxis. Warum?
- Garantierte Qualität: Apotheken unterliegen strengen Kontrollen und beziehen nur von geprüften Großhändlern
- Richtige Lagerung: Vitamin D ist licht- und wärmeempfindlich – in der Apotheke wird es fachgerecht gelagert
- Persönliche Beratung: Ihr Apotheker kennt mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
- Keine Fälschungsrisiken: Bei Online-Marktplätzen wie Amazon gibt es immer wieder gefälschte oder minderwertige Produkte
| Hersteller | Produkt | Preis ca. | Vorrat | Bezug |
|---|---|---|---|---|
| Hevert | Vitamin D3 Hevert 4.000 IE | ca. 18–22 € | ca. 6 Monate | Apotheke |
| pure encapsulations | Vitamin D3 4.000 IE | ca. 25–30 € | ca. 4 Monate | Apotheke |
| Dekristol | Dekristol 20.000 IE | ca. 25–35 € | ca. 6 Monate (1x/Woche) | Apotheke (rezeptfrei) |
| Vigantol | Vigantol 1.000 IE Tabletten | ca. 8–12 € | ca. 3 Monate | Apotheke |
| Dr. Jacob's | Vitamin D3K2 Öl | ca. 20–25 € | ca. 8 Monate | Apotheke, Online |
| Sunday Natural | Vitamin D3 5.000 IE Tropfen | ca. 18–22 € | ca. 12 Monate | Online (sunday.de) |
Alle genannten Produkte sind in gut sortierten Apotheken erhältlich. Die Kloster Apotheke Tegernsee führt ein umfangreiches Sortiment und berät Sie gerne.
Praktische Tipps zum Kauf
- Apotheke vor Ort: Der geringe Mehrpreis gegenüber Online-Anbietern lohnt sich für die Sicherheit. Bei Unsicherheit kann der Apotheker auch Ihren Arzt kontaktieren.
- Tropfen vs. Kapseln: Tropfen sind flexibler dosierbar und für die meisten Menschen praktischer. Kapseln/Tabletten eignen sich gut für unterwegs.
- Depot-Präparate: Hochdosierte Wochen- oder Monatsdosen (z.B. Dekristol 20.000 IE) sind eine Alternative zur täglichen Einnahme – aber nur nach ärztlicher Beratung.
- Online nur bei seriösen Anbietern: Wenn Sie online bestellen, wählen Sie etablierte Hersteller-Shops (z.B. Sunday Natural) oder Versandapotheken – nicht Amazon-Marketplace.
Wann sollten Sie zum Arzt?
Für die meisten gesunden Erwachsenen ist eine Supplementierung mit 2.000–4.000 IE täglich ohne vorherige Blutuntersuchung sicher und sinnvoll. In folgenden Fällen sollten Sie jedoch ärztlich beraten werden:
- Bei bestehenden Erkrankungen: Niereninsuffizienz, Sarkoidose, Hyperparathyreoidismus, Calcium-Stoffwechselstörungen
- Bei Einnahme bestimmter Medikamente: Thiazid-Diuretika, Digitalis-Präparate, einige Antiepileptika
- Bei Symptomen eines schweren Mangels: Starke Muskelschwäche, Knochenschmerzen, häufige Infekte, ausgeprägte Müdigkeit
- Bei geplanten höheren Dosierungen: Wenn Sie dauerhaft mehr als 5.000 IE täglich einnehmen möchten, ist eine Blutspiegelkontrolle empfehlenswert
- In Schwangerschaft und Stillzeit: Höhere Dosierungen immer nach individueller Testung und in Absprache mit dem Frauenarzt
Ihre Checkliste für die optimale Vitamin-D-Versorgung
- Lassen Sie Ihren aktuellen Vitamin-D-Spiegel (25-OH-D) im Blut bestimmen
- Wählen Sie ein hochwertiges Präparat mit Vitamin D3 (Cholecalciferol), nicht D2
- Nehmen Sie Vitamin D immer zu einer fetthaltigen Mahlzeit ein
- Kombinieren Sie bei höheren Dosen (ab 4.000 IE) mit Vitamin K2 MK-7
- Achten Sie auf ausreichende Magnesium-Zufuhr (300–400 mg/Tag)
- Kontrollieren Sie den Blutspiegel nach 8–12 Wochen und passen Sie die Dosis an
- Zielspiegel: 40–60 ng/ml (100–150 nmol/l)
- Bei Nierenerkrankungen oder Sarkoidose: Rücksprache mit dem Arzt
Fazit: Ein unterschätztes Gesundheits-Fundament
Vitamin D ist kein Wundermittel – aber ein essenzieller Baustein für Gesundheit und Langlebigkeit. Die deutsche Empfehlung von 800 IE täglich ist für viele Menschen zu niedrig, um optimale Blutspiegel zu erreichen. Mit 2.000–5.000 IE täglich, der richtigen Einnahme und gelegentlicher Blutspiegelkontrolle investieren Sie für wenige Cent pro Tag in Ihre Gesundheit.
In unserer Praxis am Tegernsee gehört die Vitamin-D-Bestimmung zu jeder umfassenden Labordiagnostik. Wir beraten Sie gerne individuell zu Dosierung und Supplementierung – besonders im Rahmen unseres Mikronährstoff-Checks oder der erweiterten Labordiagnostik.
Quellen & Referenzen
- [1] Hahn J, et al. Vitamin D and marine omega 3 fatty acid supplementation and incident autoimmune disease. BMJ 2022;376:e066452
- [2] Pilz S, et al. Vitamin D and cardiovascular disease. Anticancer Research 2019;39(3):1179-1186
- [3] Rabenberg M, et al. Vitamin D status among adults in Germany – results from the German Health Interview and Examination Survey (DEGS1). BMC Public Health 2015;15:641
- [4] Holick MF, et al. Evaluation, treatment, and prevention of vitamin D deficiency: an Endocrine Society clinical practice guideline. J Clin Endocrinol Metab 2011;96:1911-1930
- [5] Keum N, et al. Vitamin D supplementation and total cancer incidence and mortality: a meta-analysis. Ann Oncol 2019;30(5):733-743
- [6] Wang L, et al. Circulating 25-hydroxy-vitamin D and risk of cardiovascular disease. Circulation 2012;125(18):2296-303
- [7] Martineau AR, et al. Vitamin D supplementation to prevent acute respiratory tract infections: systematic review and meta-analysis. BMJ 2017;356:i6583
- [8] Spedding S. Vitamin D and depression: a systematic review and meta-analysis. Nutr Neurosci 2014;17(6):227-35


